Abstillen

02.07.20 - Artikel überarbeitet

Inhaltsverzeichnis

Primäres Abstillen

Nach der Geburt der Plazenta fallen die Serumspiegel von Östrogen und
Progesteron rasch ab und es kommt zu einem starken Anstieg von Prolaktin.
In den ersten 3 – 4 Tagen nach der Geburt läuft die hormonelle Steuerung der
Milchbildung und des Milchflusses endokrin ab, egal, ob die Frau stillt oder
nicht (1).

Die Frau wird über die relativen Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden
informiert. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit steigert die Qualität der
Betreuung (2).

Konservatives primäres Abstillen

Das konservative Abstillen kann immer gewählt werden.

Vorteile:

  • Kolostrum kann ausmassiert und bei Wunsch dem Neugeborenen verabreicht werden.
  • Falls Unsicherheiten bezüglich des Abstillens vorhanden sind, kann einfacher auf die ReLaktation zurückgegriffen werden.
  • Es ist eine Möglichkeit, die Phase der Trauer nach einem IUFT körperlich zu unterstützen. Der Körper nimmt Abschied von seiner ursprünglichen Aufgabe "ein Kind zu ernähren".
  • Auch bei Frauen mit einem HELLP – Syndrom wird diese Methode gerne eingesetzt, da sie die HELLP Symptome nicht überdeckt und keinen Einfluss auf die Kreislaufsituation nimmt.

Vorgehen:

  • möglichst oft kalte Wickel anwenden (Coldpack, Antiphlogestinwickel)

Ziel: Unterdrückung des Blutflusses und die daraus resultierende Milchbildung

  • Pfefferminz- und Salbeitee trinken
  • Petersilie, Pfefferminzkaugummi, Salbeibonbons essen
  • Alternative Medizin, (Akupunktur, Homöopathie durch geschultes Personal)
  • Gespräche und Beratung durch Stillberatung und Hebammen während Hospitalisationszeit

Medikamentöses primäres Abstillen

Der Wirkstoff Cabergolin ist ein Dopaminantagonist mit Prolaktin – senkender
Wirkung, gilt als Mittel der Wahl zum primären Abstillen auf Wunsch
(www.embryotox.de)

2 Tabl. Dostinex ® (Cabergolin) à 0.5 mg als einmalige Gabe auf ärztliche
Verordnung in den ersten 24 Stunden postpartum. Während der Mahlzeit einnehmen.

Sekundäres Abstillen

Konservatives sekundäres Abstillen

Die Mamillenstimulation und die Entleerung der Brust sind für die Milchbildung
ausschlaggebend (autokrines System). Aus diesem Grund kann durch ein
kürzeres und selteneres Stillen/Pumpen konservativ abgestillt werden. Möchte
die Mutter rasch abstillen, stillt/pumpt sie nur dann, wenn sie ein
unangenehmes Spannungsgefühl in der Brust verspürt und nur so lange bis
sie sich wieder wohl fühlt. So wird einerseits einem Milchstau vorgebeugt und
andererseits wird durch den dadurch verursachten Druck in der Brust
(Feedback of Inhibitor of Lactation) die Milchsekretion zusätzlich zum Stillstand
gebracht. Das konservative Abstillen kann den Trauerprozess unterstützen und
bei der Verarbeitung des Kindsverlustes hilfreich sein (2). Dazu gehört eine
engmaschige Begleitung durch med. Fachpersonen.

Unterstützende Massnahmen

  • Kalte Wickel (Coldpack, Quarkwickel, Antiphlogestinwickel, Heilerde)
  • Pfefferminz- und Salbeitee, Petersilie
  • gut stützender, kompakt sitzender BH
  • Alternative Medizin wie Akupressur, Akupunktur und Homöopathie
  • Nachbetreuung durch die Stillberatung (Termin nach Vereinbarung)

 

Aus der Literatur (3) ist schon seit Jahren bekannt, dass eine
Flüssigkeitseinschränkung keine Wirkung auf die Milchmenge hat.

Das konservative Abstillen ist schonend für die Brust, die Mutter und das Kind
(allmähliches Anpassen an künstliche Babynahrung und den durch das
Abstillen verringerten Hautkontakt).

Bei einem raschen Vorgehen dauert das Abstillen ca. 14 Tage. Es ist jedoch
individuell steuerbar und eine Re-Laktation ist jederzeit möglich.

Medikamentöses sekundäres Abstillen

Nur auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter und nach Information über die
Nebenwirkungen wird mit Dostinex (Cabergolin) 4 x ½ Tabl. à 0.5mg alle 12
Stunden abgestillt, > 24 Stunden postpartum.
Beachte: Die Wirkung tritt erst nach 3 Stunden ein. Daher
muss die Brust vor der ersten Gabe von Dostinex “leer gepumpt“ werden.

Dieses restriktive Vorgehen empfiehlt sich aus folgenden Gründen (3):

  • Dostinex wirkt nur bei 77% der Frauen (23% haben Rebound = zusätzlicher Milcheinschuss)
  • Nebenwirkungen: Blutdrucksenkende Wirkung innerhalb 6 Stunden (während des stat. Aufenthaltes tägliche Blutdruckkontrolle), Nausea, Kopfschmerzen, Benommenheit, abdominale Schmerzen, Müdigkeit, Obstipation, Erbrechen, Brustschmerzen, Hitzewallungen, Depressionen, Parästhesien
  • Kontraindikationen: Bei Präeklampsie oder postpartaler Hypertonie mit persistierendem hohen Blutdruck ist vor dem Verabreichen von Dostinex zuerst der Blutdruck adäquat zu therapieren; gleichzeitige Behandlung mit Erytromycin respektive Ketoconazol, mütterliche Galactosämie
  • Solange Milch produziert wird, darf sie auch unter Abstillen mit Cabergolin dem Kind gegeben werden.
  • Eine Re-Laktation ist schwer möglich.
  • Es ist ratsam erst einen Monat nach Absetzen von Dostinex schwanger zu werden.
  • Oft sind die oben erwähnten konservativen Massnahmen und Entlastungspumpen trotzdem notwendig!
  • Die Dauer beträgt ca. 14 Tage ähnlich lange wie beim konservativen Abstillen.

Natürliches Abstillen

Das natürliche Abstillen ist ein vom Kind bestimmtes Abstillen. Grundsätzlich
kann so lange gestillt werden, wie es Mutter und Kind Freude bereitet. Im
Idealfall bis sich das Baby von selbst abstillt, d.h. bis es kein ernsthaftes
Interesse mehr zeigt an der Brust zu saugen.

Die WHO/ UNICEF empfiehlt das Baby die ersten sechs Monate
ausschliesslich und mit Beikost bis ins zweite Lebensjahr weiter zu stillen. Mit
dem Einführen fester Nahrung tritt das Stillen als Ernährung nach und nach in
den Hintergrund. Die Muttermilch ist nach dem 6. Monat immer noch ein
hochwertiges Nahrungsmittel! Im zwanzigsten Lebensmonat entspricht der
Spiegel von IgA und IgG der Höhe, die nach einer Laktationsdauer von zwei
Wochen gemessen wurde.

Literatur

1. V. Scherbaum, F.M.Perl, U. Kretschmer (Hrsg.) – Stillen – Frühkindliche
Ernährung und reproduktive Gesundheit – deutscher Ärzteverlag, S.84
(2003)
2. Zumbühl Eva & Nadine Richter, Beratung zur Unterdrückung der
Laktation, Bachelor – Thesis 2013
3. Scheele Michael, Abstillen –natürlich oder medikamentöse, Pädiatrische
Praxis 59. 583 – 587 (2001)
4. Arzneimittelkompendium der Schweiz 2006

zusätzlich:

  • Akre James, Die Physiologischen Grundlagen, WHO, 1994
  • Herausgeber AFS: Stillen und Stillprobleme, Enke1993
  • Hormann Elizabeth: Stillen nach dem 6. Lebensmonat
  • Kroth Carina: Stillen und Stillberatung, Ullstein Medical, 1998
  • Lawrence, R.A.: Breastfeeding: a guide for the medical profession, Mosby, St.Louis, 1989
  • Riordan and Auerbach: Breastfeeding and Human Lactation, Jones and Barlett Publishers, Bosten
  • C. Schäfer, H. Spielmann, K. Vetter, C. Weber-Schöndorfer: Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit, 8. Auflage, Elsevier GmbH Verlag, 2012
  • Website des embryo- toxikologischen Instituts Berlin: www.embryotox.de
  • Abfrage Medikamente: www.compendium.ch

Version: 24.05.2017
Aktualisiert: 06/22 J. Goldstein
Gültig bis: 31.12.2021
Autorisiert: M. Hodel